Rundblick Rösrath 19.08.2005

Eine Prozession mit Achtung für die Tradition
Eine Äußerung aufrichtigen Volksglaubens
Am Sonntagmorgen, 06.00 Uhr, die meisten in der Stadt schlafen noch -
nur zwei Hirsche begegnen mir auf dem Weg - wartet der Meurer-Bus mit Holger,
dem Busfahrer und Sarah, unserer freundlichen Bordstewardess, auf die 43
Rösrather Bürger und Bürgermeister Dieter Happ. Pünktlich wird abgefahren
und ohne Stress und Hektik kommen wir am Ziel, in unserer Partnerstadt Veurne, an.
Wir werden im Historischen Rathaus durch Piet Lapauv begrüßt - seit nunmehr 31
Jahren steht er immer zur Verfügung, den Rösrather Bürgern das Rathaus und
das Entstehen der Prozession zu erklären. Nicht fehlen darf die Verkostung des
Trapistenbieres. Der Morgen verfliegt viel zu schnell; ehe wir uns in der schönen
Altstadt mit ihren Kirchen, Plätzen, alten Häusern und dem Park richtig
umgesehen und uns bei einem guten Mittagessen gestärkt haben, rückt der Beginn
der Prozession immer näher.
Viele Stühle werden vor die Türen der Gasthäuser und privaten Häuser gestellt,
die man für die Dauer der Prozession reservieren lassen kann gegen einen kleinen
Obulus. Es herrscht noch reges Treiben in den Gassen und auch der Marktplatz
mit der großen Kirmes ist noch von Musik und Kirmesgeräuschen erfüllt.
Doch mit dem Glockenschlag der St.-Walburga-Kirche schließen alle Kirmesbuden
ihre Läden, alle Besucher haben ihre Plätze eingenommen, kein Kindergeschrei, kein
Hundegebell ist mehr zu hören, der ganze Ort mit den vielen tausend Besuchern
versinkt in eine unwirkliche Stille. Fanfarenklänge erschallen und die Prozession
nimmt ihren Anfang.
In der Broschüre der Stadt Veurne finden wir folgenden historischen Abriss der
Büßerprozession:
Im Jahr 1637 gründet Chorherr J. Clou von der St.-Nikolaus-Abtei die Ordensbruderschaft
"Sodalität des gekreuzigten Heilandes". Im Jahr 1646 veranstaltet dieser Orden zum ersten Mal
einen Bußumgang. Seitdem wird jeden Freitag in der Fastenzeit ein Kreuzweg abgehalten
und findet am letzten Sonntag im Juli mit der bekannten Büßerprozession ihren Abschluss.
Vor jeder Gruppe schreitet ein Büßer (viele laufen barfuß die 5 km lange Strecke
auf Kopfsteinpflaster oder auch auf bei Sonnenschein glühend heißem Asphalt)
mit einem Schild, gefolgt von einer Engelfigur, die die Szene nochmals erklärt.
Die Geschichte wird mit lebenden Bildern erzählt: Angefangen mit Adam und Eva und dem
Sündebfall über Noah, Abraham, Moses und die Israeliten, von König David, den
Stall von Bethlehem mit den Hirten, den Heiligen 3 Königen, der Flucht nach Ägypten,
am Hofe von Herodes, vom Einzug in Jerusalem, das Abendmahl, im Ölgarten die Gefangennahme Christi
bis zur Kreuztragung. "De Kruysdraegung", hier wird der schwere Baum des Kreuzes auf
der Schulter Jesus Christus getragen "sein Kreuz tragen ist Gott wohlgefällig".
Jeden Freitagabend in der Fastenzeit und jeden Abend in der Karwoche kann man sich an dem
Fasten-Kreuzweg beteiligen, der betend durch die Stadt zieht.
Ein beeindruckendes Erlebnis, das tief berührt, des Umfeldes wegen und speziell
wegen der vielen Gläubigen, die an der Prozession teilnehmen.
Auf der Rückfahrt frage ich unseren Bürgermeister, warum er sich an der Prozession
beteiligt. Dieter Happ erklärt: "Früher war es üblich, dass sich nur die
Bürgermeister der beiden Städte trafen. Doch ich war und bin der Meinung, dass
Städtepartnerschaft nur mit und durch die Bürger gelebt werden kann. Bereits
seit 14/15 Jahren fahre ich jedes Jahr mit Rösrather Bürgern zur Büßerprozession
und nehme seit langen Jahren auch teil im Büßergewand mit dem Kreuz auf der Schulter.
Angeregt durch Erwin Kauert ist diese Teilnahme inzwischen für mich zum persönlichen Bedürfnis
geworden. Zum anderen dienen solche Besuche auch dem Tourismus der Partnerstädte."
Wer mehr erfahren möchte über Veurne und seine Attraktionen wendet sich an das Kulturamt der
Stadt Rösrath oder blickt auf die Internetseite von www.veurne.be
(HSz)
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